Im Zentrum der Mittelhessischen Straßentrilogie stehen zwei Vehikel, langsam und sperrig: ein alter Bus mit 20 Sitzen und ein Holzrollesel. Der Bus bleibt ständig liegen, der Esel verliert alle paar Kilometer eine Rolle oder eine Schraube. Beide verlangsamen den Weg permanent. Mit diesen Vehikeln beginnen wir unsere Praxis im Straßenraum, im geteilten öffentlich/privaten Raum, im Kontinent der Geschwindigkeit mit ungewissem Ausgang. Wir setzen uns mit ihnen aus, ohne zu wissen, wo wir landen werden. Der Weg des Projekts durch Provinz, Plätze, Autobahnen, Gewerbegebiete, Dörfer und Landstraßen wird bestimmt durch die Kollisionen mit verschiedensten Passanten, von denen einige aktiv einen Teil des Weges mitgehen. Manches passiert en passant, anderes dehnt sich unwahrscheinlich groß aus. 

 

Die Vehikel eröffnen Raum für eine Poetisierung der Kommunikation, für unmögliche Treffen. Mobile Albania spricht nie an, es wird angesprochen. Zu Beginn machen wir Sonntagsausflüge, sammeln Menschen an Bushaltestellen auf und bringen sie, wohin sie wollen. Wir setzen uns an eine Kreuzung und schauen dem Verkehr als Straßenkino zu. Wir gehen mit dem Esel spazieren. Wir blockieren mit Bus und Esel eine Hauptverkehrsader Gießens für ein Straßenritual (ROT). Erst sind wir mit dem Bus mehrere Monate auf den Straßen unterwegs (MOBILE ALBANIA GEHT AUF DIE STRASSE), dann mit dem Esel (MOBILE ALBANIA IM HINTERLAND). Aus diesen Wanderungen/Ausflügen/Kollisionen entstehen Gedanken, temporäre Verfassungen, Auseinandersetzungen, Gegenstände, Lieder, Kostüme, Weggefährten, die in den entstehenden Aufführungsformaten nie das Ziel haben, die Bewegungen abzubilden, sondern andere Verbindungen ins Theater und aus dem Theater hinaus zu denken. Je nach Situation können Details riesig werden (DIE BEGEGNUNG MIT DER BLOCKFLÖTE entstand aus dem Gespräch mit einem Passanten auf einer Busfahrt darüber, dass das Blockflötenspiel das Einzige sei, was alle Hessen miteinander verbinde). In den Aufführungen entstehen Anordnungen, die versuchen, die Raum/Zeitlogik der Gegenwart aufbrechen zu lassen. Die einzelnen Aufführungen sind gleichzeitig als Feste zu verstehen, die Menschen der zwischenzeitlichen Bewegungen einladen, an einer gemeinsamen Bewegung teilzuhaben.

Die Mittelhessische Straßentrilogie

2010-2012

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Pressestimmen: 

Doch was sie genau tun, wenn sie mit einem alten Kleinbus und einem aus Draht und Lumpen zusammengeflochtenen Esel durch die Welt streifen, lässt sich in der Tat nur schwer in allgemeine Begriffe fassen; schon weil es niemals unabhängig von diversen Plätzen, Landschaften und auch Theatern geschieht, an denen sie andocken und temporär Station machen […].

Das besagt aber nicht, dass Mobile Albania keine thematischen Zentren hätte oder nicht über ausgearbeitete Formate und Raster verfügen würde. Im Gegenteil: Es handelt sich bei Mobile Albania zunächst einmal um ein Unternehmen zur Erforschung von Bewegung, in all ihren möglichen Varianten und gesellschaftlichen Bereichen, […]. Mit alledem liegt ein deutlicher Akzent auf dem vermeintlich Kleinen, Unspektakulären, Sanften, dem dennoch oder gerade darum eine gewisse Störrigkeit und Hartnäckigkeit eignet - Dinge eben, die man für gewöhnlich dem Esel zuschreibt. Vielleicht kann man sagen: Mobile Albania ist ein kleines Immanenzplateau.

(Sebastian Kirsch, Theater d. Zeit / 6/12)