Der Mensch schreitet geradeaus, weil er ein Ziel hat; er weiß, wohin er geht, er hat sich für eine Richtung entschieden und schreitet in ihr geradeaus. Der Esel geht im Zickzack, döst ein wenig, blöde vor Hitze und zerstreut, geht im Zickzack, um den großen Steinen auszuweichen, um sich den Anstieg sanfter zu machen, um den Schatten zu suchen. Er strengt sich so wenig wie möglich an. Der Esel hat alle Städte des Kontinents gezeichnet. In den Landstrichen, die sich nur nach und nach bevölkerten, zottelte der Karren hierhin und dorthin, wie es Erdbuckel und Löcher, Steine oder Sumpf geboten. Ein Bach war ein gewaltiges Hindernis. So sind die Wege und die Straßen entstanden. (LeCorbusier)

Was passiert wenn der Bus bei Rot hält und nicht mehr anfährt? Was passiert, wenn eine Hauptverkehrstraße auf einmal von einem Holzrollesel blockiert wird und die Verkehrsinseln zu Zuschauerrängen werden? Unabgesprochen eine Pause inszeniert wird? Alle aus den Autos steigen, verweilen und dann wieder weiterfahren? Ist das möglich in einer Straßenverkehrsordnung? Maschine trifft Tier, Bus trifft Esel. Wir verharren an der Kreuzung und lauschen der Abgasflötenlunge. Dinge müssen sein, was sie sein müssen. Eine Übung in Langsamkeit, Tempomeditation, erstes mobilalbanisches Straßenritual. Der Esel fährt in die Grauzone des Ordnungssystems.

Rot

Prolog der mittelhessischen Straßentrilogie

MARKET

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Gefördert durch: Exkurs Festival, Institut für Angewandte Theaterwissenschaft

exkurs Theaterfestival „werden zwischen sein“
2010

Von und mit: Sarah Günther, Roland Siegwald, Katharina Stephan, Julia Blawert, Matthias Lange, Robert Groos und der bulgarischen Kapelle aus dem Seltersweg