Seit 2009 bereist Mobile Albania (Gießen/Frankfurt) mit verschiedensten Vehikeln Straßen, Städte und Landstriche in Deutschland und Europa. Seine Arbeitsformen haben sich aus dem Unterwegssein entwickelt: analog, improvisiert und einladend.

Mobile Albania produziert spontane Versammlungen und die dazugehörigen Verfassungen. 

Es entsteht ein wandelndes Territorium zwischen den verschiedensten Kunstinstitutionen, in das man hineinstolpern kann, das seine Inhalte auf der Straße und aus der Begegnung mit ihren Durchkreuzenden und Bewohnern entwickelt. Es geht darum, in einen Dialog mit dem Straßenraum zu treten und ihn im Sinne einer Straßenuniversität als kommunen Ort sowohl künstlerischen Arbeitens als auch des Wissensaustauschs und der Wissensproduktion ernst zu nehmen. 

 

Was ist möglich im Transitraum der Straße? In unserer Gesellschaft nimmt das Wort mobil immer mehr Raum ein, es gibt die mobilen Arbeiter, legale und illegalisierte Migranten, Touristen und Flüchtlinge, alle sind unterwegs. Doch sind wir zunehmend anwesende Abwesende, die in vorübergehenden Siedlungen warten, arbeiten oder Urlaub machen und nicht mehr am politischen Gemeinwesen teilnehmen. Die regionale Öffentlichkeit macht einem privatisierten und homogenisierten Stadtraum Platz. Auf der anderen Seite entstehen Inseln der Immobilität, neben der Autobahn, in der Warteschleife der Peripherie.

Mit einem alten Bus, einem Holzrollesel und anderen abwegigen Gefährten trägt Mobile Albania die Peripherie ins Zentrum und das Zentrum in die Peripherie. Als wandernder Staat kommt es in Dörfer, Städte, auf Kreuzungen und Plätze, um mit verschiedensten Menschen analoge Netzwerke zu bilden. Mobile Albania produziert dreidimensionale, durchquerbare Vorstellungen, versehentliche mediale Großereignisse, eröffnet eine neue Radiostation, wird zur magischen Laterne, zieht mit Flötenprozessionen durch die Einkaufsmeile oder ersetzt eine existente Buslinie. Mobile Albania ist auf der Suche nach neuen Nachbarn und präsenten Präsidenten, nach Möglichkeiten im Zwischenraum, ihrer Verfassung und ihrem Vollzug.

Es handelt sich bei Mobile Albania um ein Unternehmen zur Erforschung von Bewegung, in all ihren möglichen Varianten und gesellschaftlichen Bereichen. Mit alledem liegt ein deutlicher Akzent auf dem vermeintlich Kleinen, Unspektakulären, Sanften, dem dennoch oder gerade darum eine gewisse Störrigkeit und Hartnäckigkeit eignet - Dinge eben, die man für gewöhnlich dem Esel zuschreibt. Das Schöne ist dabei, dass das Nomadentum von Mobile Albania gerade nicht das Jet-Set-Nomadentum des flexiblen Menschen oder der „digitalen Boheme“ ist. Denn dafür steht viel zu sehr das Moment des Ärmlichen und notdürftig Improvisierten im Vordergrund, das „Hinterland“. 

Sebastian Kirsch, Theater der Zeit