Der Innerstädtische Wanderverein bahnt sich einen Wanderweg, wo es noch keinen gibt. Mit Klappleitern, Abflussrohren und Wegmarkierungen ausgestattet, beginnt die Erkundung der Stadt auf kleinsten Wegen, die Eroberung des Straßengeflechts jenseits der betonierten Bahnen. Es entsteht eine neue Kartographie mit eigenen Gesetzen, die sich, gespeist aus Historischem und Fiktivem, über das etablierte Wegenetz der Stadt spannt. 

Die Straße gehört den Fußgängern - der Weg denen, die ihn gehen.

Beim Wandern durch Hinterhöfe, Treppenhäuser, Tiefgaragen und Gärten wird die Intuition eines Kinderspiels als fröhliche Wissenschaft etabliert. Normalerweise geübt, dem Wegenetz der Straßen und den Hinweisen der ordnungsstiftenden Beschilderungen zu folgen, sucht der Innerstädtische Wanderverein die Lücke, den Spalt, den Zwischenraum, das Loch im Zaun, das einen völlig neuen Weg ermöglicht. Überall dort, wo der Zutritt durch private oder öffentliche Konventionen oder Anordnungen verwehrt ist, wird der pseudotouristische Wanderverein zur freundlichen Camouflage, selbstverständlichen Legitimation und leichtfüßigen Intervention. Zäune markieren für den Wanderverein keine Grenze, sie dienen der körperlichen Ertüchtigung. Orte, die zuvor hinter großen Mauern und Hecken den Blicken verborgen blieben, werden durch den Innerstädtischen Wanderverein erschlossen.

 

Wem gehört der Raum? Während im 19. Jahrhundert die reichen Bürger im erstarkenden Gemeinsinn noch vielen Städten ihre Gärten und Grundstücke als Raum für Wege zur Verfügung stellten, ist der Zaun um den Besitz unüberbrückbar geworden. Potentielle Konfliktbewältigung ist beim Innerstädtischen Wanderverein Teil des Wegs. Es entstehen dériveartige Bewegungen, die mal in die unterirdischen Gemäuer oder Dachkammern der Stadt führen, eine Verkehrsinsel zum Rastplatz oder ein Hochhaus zur Aussichtsinsel machen. Eigens entworfene Postkarten werden in private Briefkästen gesteckt, der mobilalbanische Flugesel-Aufkleber hinterlässt an Laternen und Zäunen eine Spur des Wanderwegs. Je nach Ort entsteht eine völlig neue Erzählung, die während der Wanderung den Raum zunehmend transformiert. Aussichten werden umgedeutet und neu beschrieben. Die Stadt, die man zu kennen glaubt, wird zu einem neuen Territorium.  

 

Der Innerstädtische Wanderverein wurde 2013 im Rahmen der zweijährigen Projektreihe „Stadt als Garten“ in Gießen entwickelt. Seitdem wurden Weimar, Bochum (im Rahmen von „This is not Detroit“), Friedberg, Steinheim und Aschaffenburg (im Rahmen von „Grenzgänge – Der Limes als Grenze und Ort des Austauschs“ 2016) auf anderen Wegen erkundet.

Der Innerstädtische Wanderverein

MARKET

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Von und mit: Julia Blawert, Sarah Günther, Till Korfhage, Roland Sigwald, Katharina Stephan, Camilla Vetters

Gefördert durch: Kulturamt Gießen, gärtnerpflichten, Anstoß Stiftung

2. Feiertag, Stadt als Garten, 2013