Der Apparat

Der Apparat setzt Narren auf Hügel und lässt sie auf die Welt hinunter schauen.

Der Apparat stellt sich zur Verfügung für Gespräche, die man sonst nicht führt, mit Menschen, mit denen man sonst nicht spricht.

Wir verbinden Sie in unserem Netzwerk!

Unsere Transmitter übertragen stets in Breitbandgeschwindigkeit.

Schalten Sie Ihr Mobiltelefon aus. Please hold the line.

1861. Philipp Reis testet seinen Apparat. „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“.
1889. Das Fräulein vom Amt verbindet Menschen in ganz Deutschland.
1956. Das Transatlantische Kabel wird durchs Meer verlegt und verbindet die Apparate der Menschen auf zwei Kontinenten.
1970. Die ersten Glasfaserkabel!
1980. Satellitenkommunikation!
2009. Weltrekord der Übertragungsgeschwindigkeit. 114 Gigabit pro Sekunde für 320 Kanäle!
2017. Filterblasen. Vorratsdatenspeicherung. Mobile Albania holt die Wolken auf die Erde.

 

Das Gespräch ist die Urform der politischen Meinungsbildung. Wie aber kommt diese in einer zunehmend digitalisierten Kommunikation, Informationsweitergabe und Stellvertreterpolitik zustande? Welche Vorteile hat die digitale Unverbindlichkeit - und welche Chancen die reale Präsenz? Und wie kann ihre Mischung aussehen? Wie können wir nicht nur digital verbunden sein? Welche Räume können entstehen - ästhetisch, sinnlich, politisch - wenn digitale Kommunikationsabläufe plötzlich analogisiert werden? Mobile Albania übernimmt als öffentlicher Nachrichtendienst eine Rückübersetzung von Technologien in Analogien vor und überprüft, welch verfremdenden Freiraum und Potential diese Setzung hat:
Es werden analoge Ferngespräche zwischen einander fremden Personen inszeniert, in denen unterschiedliche Horizonte aufeinander treffen. Auf Hochstühlen im Stadtraum unterhalten Sie sich über eine Distanz von mehreren hundert Metern. Die Verbindung wird durch menschliche Transmitter hergestellt, sie hören den Fragen und Antworten, Gedankengängen, Ausführungen und Meinungen der Sprechenden zu und übermitteln diese als Laufbursche an die jeweils andere Person. Der bekannte Ablauf eines Telefonats wird verzerrt, verfremdet, bekommt in der Übertragung Luft und Bruchstellen, lange Pausen zum Nachdenken. Durch die inszenierte Übertragung fallen Kategorien wie Gender und kultureller Hintergrund weg.


Dadurch entsteht eine ungeahnte Gesprächssituation, die durch die Vermeidung jeglicher Kategorisierungen eine Konfrontation von Meinungen und Gedanken zulässt. Und irgendwann steht die Frage im Raum - wollen Sie Ihren Gesprächspartner treffen? Oder soll er wieder im Netzwerk verschwinden? Und kann man dem Apparat trauen? Überträgt er die Gespräche unverfälscht?
Was die Gesprächsteilnehmer nicht wissen: die Gespräche werden von weiteren Mitarbeitern des Apparats live mitgeschrieben und anonymisiert Teil der analogen Cloud, in der die Gespräche hoch- und runtergeladen werden können. Der Datenspeicher des  Apparats ist als Installation begehbar.

MARKET

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Von und mit: Julia Blawert, Till Korfhage, Roland Siegwald, Katharina Stephan und allen weiteren Kollidierenden

Pressestimmen:

Benno Schirrmeister, taz, 05.09.17

Mobile Albania nimmt an der Möglichkeit, sich über räumliche Distanz zu unterhalten, eine Verzauberung vor. Sie  schraubt nämlich den Technisierungsgrad zurück: vom mobilen Endgerät als komplexer Kommunikationsmaschine, die durchs Zusammenspiel meherer Apparate funktioniert, auf ein Handarbeits-Level. "Steinzeitisierung" nennen sie diese Vorgehensweise.

Koproduktion mit Schwankhalle Bremen in Kooperation mit dem Oberhessischen Museum Gießen.

Gefördert vom Hessischen Museum für Wissenschaft und Kunst im Rahmen des Modellprojekts Kulturkoffer und die Karin und Uwe Hollweg Stiftung.

Juni-September 2017
Schwankhalle Bremen / Oberhessisches Museum Gießen